Fasten? Aber richtig!

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Karneval ist rum, nun beginnt die Fastenzeit! Auch ich faste dieses Jahr. Sieben Wochen ohne wird es geben. Sieben Wochen Fasten! Insgesamt bin ich jetzt schon stolz auf mich, denn ich bin mir sicher, dass ich meine Ziele allesamt erreichen werde:

Sieben Wochen ohne Rosenkohl, Lakritze, Tintenfischsushi, Grünkohl und Spekulatius habe ich mir vorgenommen. Es wird sicher anstrengend, aber vermutlich ist es alles machbar. Vor einigen Tagen überlegte ich noch, ob ich auf Segelfliegen, Motorcrossfahren und Fallschirmspringen verzichten sollte – aber das wäre mir dann aktuell doch noch zu waghalsig… Man weiß ja nie, was man angeboten bekommt.

Ok, ich hoffe, du merkst meine Ironie. Das sind ja alles Dinge, die mich eh nur peripher tangieren. Die Fastenzeit hat begonnen. Aber worum geht es da eigentlich? Und worum geht es ganz sicher nicht?

Was ist Fasten?

Wer fastet1, verzichtet auf etwas Grundlegendes. Im Normalfall geht es um Nahrung bzw. eben um keine Nahrung. Jesus hat nach seiner Taufe 40 Tage in der Wüste gelebt und auf Essen verzichtet. Diese Zeit führte in eine intensive spirituelle Erfahrung.

Beim Fasten geht es tatsächlich um eine bewusste Grenzerfahrung. Man verzichtet, um die eigenen Bedürfnisse zu zähmen und Gott dadurch mehr Raum in der eigenen Gedankenwelt zu geben. Man verzichtet, um Raum für andere Dinge zu schaffen, intensives Gebet zum Beispiel.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Gott in 5. Mose 8

Seit Generationen schon fasten Menschen. In der römisch-katholischen Kirche gibt es eine detailliert geregelte Fastenpraxis während der Passionszeit. Manche fasten auch aus gesundheitlichen Gründen, andere um sich etwas zu beweisen. Fasten kommt auch im Neuen Testament vor. Drei(!!!) Mal wird erwähnt, dass die Jünger Jesu gefastet haben.3  Eines ist Fasten aber ganz sicher nicht: Ein cooler Trend, den man unbedingt mitgemacht haben muss.

Fasten heißt Eines:

“Letztendlich bedeutet Fasten nur Eines: Hungrig zu sein – also an die Grenzen jener Grundbedingung des menschlichen Lebens zu gehen, über Nahrung zu verfügen. Aber im Hungrigsein kann man entdecken, dass es nicht die ganze Wahrheit ist, wenn man sagt, das menschliche Leben hänge vom Essen ab, denn der Hunger ist zuallererst einmal ein spiritueller Zustand. Er verweist auf die Tatsache, dass der Mensch zutiefst Hunger nach Gott hat.”

Alexander Schmemann

Sieben Wochen ohne!

Interessant, das wissen manche vielleicht nicht, ist das Fasten im evangelischen Bereich. Die in Deutschland weit bekannte Aktion “sieben Wochen ohne” gibt es in dieser Form seit erst 36 Jahren. Natürlich gab es auch früher schon eine Fastenpraxis in Kirchen der Reformation, sie war aber bei weitem nicht so ausgeprägt, wie die der Katholiken.

Die evangelische Kirche gab in den vergangenen Jahren mit überaus gelungenen Aktionen gute Impulse in die Christenheit. Ganz sicher tut es jedem einzelnen Menschen gut, an der diesjährigen Aktion teilzunehmen: “Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen!” Ich selbst bin sehr gespannt, was ich in mir beobachte und entdecke…

Eine kurze und spitze Randbemerkung möchte ich an dieser Stelle allerdings loswerden: Fasten bezieht sich von der Wortbedeutung her auf den Verzicht von Speisen, der altdeutsche Ursprung geht auf das “festhalten” zurück.4 Angemessen und sachlich richtiger wären also Begriffe wie „Abstinenz“, wenn man eine gewisse Sache für eine Zeit lang lässt – die klingen halt nur nicht ganz so cool…

Fasten gibt es als spirituelle Erfahrung in allen Religionen. Dass wir diese Praxis in heutiger Zeit neu entdecken ist total gut – wenn wir sie nicht vollkommen verdrehen oder überbewerten.

Fasten kann auch pervers werden.

Leider begegnen mir immer wieder Menschen, die diese Geschichte mit dem Fasten noch nicht ganz auf die Kette bekommen haben. Da erzählen mir spindeldürre Mädchen, dass sie auf Süßigkeiten verzichten wollen. Jungs, die alle fünf Wochen mal ein Bild bei Instagram hochladen, fasten plötzlich Social Media und Leute mit einer deutlich erkennbaren Affinität zum Veganismus fasten tierische Produkte.

Genau darum geht es beim Fasten aber nicht. Schon oft habe ich selbst gefastet. Viele Jahre habe ich sieben Wochen ohne Alkohol durchgezogen. Das waren allerdings auch die Zeiten, in denen die Kneipe unter meiner Wohnung offen hatte und ich quasi täglich mit Menschen dort im Gespräch war. Einige Male habe ich richtig gefastet, mit allem drum und dran – und gelitten wie ein Hund. Noch heute kommen mir manchmal die Tränen, wenn ich meine alten Fastentagebücher durchlese. Einmal habe ich sogar Zucker gefastet – das fiel mir aber gar nicht so schwer, nachdem ich schon viele Zeiträume vorher Paleo gelebt hatte… Das war kein richtiges Fasten mehr. Nur weil du etwas kurz mal sein lässt, fastest du noch lange nicht.

Was dir nicht schwer fällt, ist kein Fasten!

Simon Birr

Beim Fasten geht es um wirklichen Verzicht. Denk nochmal an die Zeit aus dem neuen Testament zurück. Damals gab es keine Supermärkte.5 Wenn man etwas essen wollte, musste man sich die Nahrung mühsam beschaffen. Eigentlich ein ganz großes Thema für sich. Du kannst es ja aber mal selbst probieren, wie lange du brauchst, um ein Tier zu besorgen, dann ein Stück Fleisch, welches noch am Rest vom Tier hängt, zuzubereiten – und dazu einige Beilagen zu kreieren. Viele Leute scheitern heutzutage schon an Kartoffeln. Essen war mit viel Zeitaufwand verbunden. Fasten setze enorme Zeitressourcen frei – Möglichkeiten fürs Gebet, zum Nachdenken und für lebensverändernde Maßnahmen…

Eine gute Erfahrung!

Wir reden von einer enorm guten Erfahrung. Probiere es unbedingt mal aus! Suche dir aber Punkte, an denen du wirklich Verzicht praktizieren musst. Alles andere ist nur ein wenig moderner Lifestyle.

Ich faste dieses Jahr auch! Was? Das verrate ich nicht. Einen kleinen Hinweis findest du zwischen den Zeilen in diesem Beitrag, die vielen anderen Punkte aber nicht. Beim Fasten geht es nicht darum, dass die anderen besonders stolz auf mich sind. Jesus formulierte mal:

Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht,  damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Matthäus 6,16-18

Faste! Probiere es aus! Es ist eine wirklich wertvolle Erfahrung! Aber wenn, dann richtig. Posaune es nicht raus, mach dich nicht lächerlich – und nutze die freie Zeit, um mit Gott im Gespräch zu sein. Ich selbst hoffe natürlich sehr, dass du nicht auf die Idee kommst, meinen Blog zu fasten, da könntest du nämlich einige interessante Gedanken in der Passionszeit verpassen…

Fasten Pinterest


  1. Kurze Anmerkung: Ich beziehe mich hier auf christlich motiviertes Fasten, weiß aber natürlich darum, dass es viele andere religiöse Fastenmotive gibt… Davon spreche ich hier nicht!
  2. Das will ich kurz noch ein wenig erklären. Im Neuen Testament wird zwanzig mal die griechische Vokabel fürs Fasten benutzt. Zum einen wird Jesu Fastenzeit beschrieben. Zum anderen (sehr oft) die Frage, warum Jesus seine Jünger nicht dazu anhält zu fasten. Zwei mal lesen wir dann davon, dass die Jünger in der Apostelgeschichte gefastet haben, einmal redet Paulus vom Fasten, hier könnte aber auch Nahrungsmittelknappheit gemeint sein. Fasten ist also auch ein wenig biblisch. Fasten ist gut. Wir sprechen aber nicht über einen Grundpfeiler christlichen Glaubens, keine Bedingung für irgendwas2 nicht mal für das Austreiben von irgendwelchen Dämonen, da basieren manche Bibelübersetzungen auf einem historisch falschen Text.
  3. Man hielt sich fest an die Gebote einer bestimmten Enthaltsamkeit.
  4. Die gibt es erst seit knapp fünfzig Jahren…

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